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Heinrich von Kleist
4 | DIE MARQUISE VON O.
Novelle in einer Fassung von Tanja Weidner. Schauspiel ab 14 Jahren.
Premiere | Donnerstag, 24. Januar 2019 | 20 Uhr
Vorstellungsdauer | 1 Std. 10 Min. | keine Pause

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Die Geschichte beginnt im Krieg. Wie immer im Krieg wird gemordet, geplündert, vergewaltigt. Wie ein Engel erscheint in diesem Chaos ein russischer Offizier, der die Marquise in der Nacht der feindlichen Übernahme vor der sexuellen Gewalt seiner Soldaten schützt. Dieses verhinderte Kriegsverbrechen hat Folgen. Am nächsten Morgen werden die Soldaten hingerichtet und der gefeierte Retter verabschiedet sich. Wochen später stellt die Gerettete fest, dass sie schwanger ist. An eine Zeugung kann sie sich nicht erinnern. Für ihren Vater ist das die boshafte Lüge zur Verschleierung sexueller Eskapaden, die Mutter weiß nicht, was sie denken soll, und die Marquise entschließt sich zu einem radikalen Schritt. Per Anzeige sucht sie den Vater des Kindes. Sie führt eine radikale Aufklärungskampagne gegen sich selbst, und es zeigt sich eine Welt, in der es keine Gewissheiten gibt, nicht einmal die Gewissheit, dass eine Frau über sich selbst sagen kann, ob sie schwanger ist oder nicht. Und wer ist dann der selbsterklärte Vater? Ein Monster? Ein Retter? Ein Engel? Ein Soldat, der einen Fehler begangen hat? Ein Soldat, der den impliziten Regeln des Krieges folgte oder einfach nur ein Mann, der sich verliebt hat? Die Kette der unglaublichen Ungeheuerlichkeit ist an diesem Punkt noch nicht zu Ende, denn gesucht wird die Wahrheit. 

In einer detektivischen Rückschau, rasant und mit gewalttätig stürmender Sprache arbeiten sich die Figuren an die Wahrheit heran. Eine Wahrheit, die, je näher man ihr kommt, zerfällt.

Nach DIE HERMANNSSCHLACHT, DER ZERBROCHNE KRUG und DIE SCHROFFENSTEINS – EINE FAMILIENSCHLACHT widmet sich Regisseurin Tanja Weidner einem weiteren Kleist-Text, der anlässlich der #metoo-Debatte aktueller ist denn je.


Inszenierung  | Tanja Weidner
Bühne & Kostüm | Annette Wolf 

Mit | Rosana Cleve


PRESSESTIMMEN:
Es sind kleine, aber wuchtige Gesten, mit denen die junge Frau ihr Selbstbestimmungsrecht einfordert. Gleich zu Beginn verbessert sie sich selbst, spricht also nicht von „ihrer“, sondern von „meiner Mutter“: Schließlich ist es ihre eigene Geschichte, die sie hier erzählt. Und am Ende der „Marquise von O.“ schließt sich der Kreis: Trotzig weigert sie sich, den vom Dichter vorgesehenen Schlusssatz zu sprechen, denn „das ist meine (!) Geschichte“. (...)
Heimliche Vergewaltigung, gesellschaftliche Ächtung: Kein Wunder, dass im Zusammenhang mit der neuen Produktion des Wolfgang-Borchert-Theaters der Bezug zu #MeToo auftaucht. Doch Regisseurin Tanja Weidner hütet sich wohlweislich vor einer platten Aktualisierung, schnitzt auch kein großes Drama aus der Novelle. Sondern lässt die Schauspielerin Rosana Cleve vielstimmig und emotional aufgebracht als Marquise erzählen.
Das tut sie im hellen Kleid vor einer Kulisse aus Papierbahnen, auf die sich – analog zur Zeitungsanzeige – Texte sprayen und Silhouetten der anderen Figuren projizieren lassen. Diese Ausstattung (Annette Wolf) mit fünf Stühlen als Requisite und einigen Projektionen sorgt schon oberflächlich für elegante Optik und verfügt zudem über mancherlei Symbolkraft: So reißt die Heldin zornig Papierbahnen herab, gruppiert hoffnungsvoll die Stühle für eine Hochzeitszeremonie. Und dass sie zu Beginn den Titel „Die Geschichte der ... Marquise von O“ aufs Papier sprüht, ist als Anspielung auf einen alten Sadomaso-Schmöker mehr als nur ein Gag.
Mit dem fehlenden Schlusssatz verweigern Weidner und mit ihr die Marquise übrigens jenen Schlüssel, den Kleist für ihr Verhalten liefert, den ursprünglichen Retter aus Soldatengewalt zu heiraten, aber auf Distanz zu halten. Die Zuschauer dieser Inszenierung sind geradezu herausgefordert, dem Zwiespalt und aktuellen Sinn der Kleist-Gefühle auf den Grund zu kommen. Alles andere als „Kleist light“.
Rosana Cleve zieht zwischen Trauer, Zorn und sachlicher Schilderung alle schauspielerischen Register. In den dialogischen Passagen, für die sie unterschiedliche Sprechhaltungen bereithält, könnte sie womöglich Tempo herausnehmen, um den Inhalt in Kleists kunstreich gewundener Sprache noch plastischer zu machen – die Aufführung dauert ja kaum mehr als eine Stunde. Wie Cleve sich diese Sprache angeeignet hat, wie sie die scheinbar alte Geschichte einer ungewöhnlichen Frau zu einer zeitgemäßen macht: Das sichert der Produktion großen Premierenapplaus.
Westfälische Nachrichten, 25.1.19

Aktueller kann ein Klassiker kaum sein. Alleine die Zuspitzung auf nur eine Schauspielerin – großartig gespielt von Ensemblemitglied Rosana Cleve –, die die Marquise verkörpert, birgt bereits Zündstoff. Denn die Geschichte wird radikal und überaus schmerzhaft aus der Perspektive der Marquise erzählt. Ihre erwachende Erkenntnis verbunden mit der Wut und ihrem Zorn gegenüber dem Mann, der sich als ihr Retter geriert und sie doch geschändet hat, stehen im Mittelpunkt.

Das Spiel von Rosana Cleve ist physisch und mit vollem Körpereinsatz. Man nimmt ihr den unendlichen Schmerz, Verzweiflung aber eben auch die Wut ab. Die Marquise ist nicht bereit, ihre Vergewaltigung still zu erdulden. Ihr erwachsen Mut und die notwendige Kraft, sich nachträglich zur Wehr zu setzen und damit auch ihren Seelenfrieden zu finden. (...)
Die Marquise von O. ist gewissermaßen eine Vorfahrin jener Frauen, die sich öffentlich zu ihren Gewalterfahrungen äußern und damit ein längst überfälliges Umdenken erzwingen. Die Zeit des Schweigens hat ein Ende! (...)
Auf der Bühne beharrt sie bis zum Schluss trotzig und letztlich auch unversöhnt, dass dies ihre Geschichte sei.
Westfalium, 27.1.19

Ein Klassiker regt zum Nachdenken an. (...) Absolut sehenswert!
Sie rast, tobt und brüllt voller Wut. Rosana Cleve, Mitglied des Ensembles im Wolfgang Borchert Theater Münster, verkörpert die Marquise von O. nach der gleichnamigen Novelle in kongenialer Weise.(...) Ihre wohlgesetzten Worte und ihre Körpersprache sind mitreißend: Eine wahre Meisterleistung der Schauspielerkunst.
Stadt 4.0, 27.1.19

Eine Frau, die sich wehrt, sich gegen ihre Eltern stellt und die Folgen einer möglichen Vergewaltigung nicht schamvoll verschweigt? Das wären für Regisseurin Tanja Weidner Steilvorlagen gewesen für eine deutliche, klare Aktualisierung. Doch sie widersteht diesen Versuchungen. Stattdessen lässt Weidner die Marquise selbst erzählen, schafft aus Heinrich von Kleists Die Marquise von O. einen Monolog für eine Schauspielerin und entwickelt aus dem Text heraus das Portrait einer Frau, die aus den an ihr geäußerten Zweifeln Selbstbewusstsein entwickelt und entschlossen handelt.
Zu Beginn sehen wir die Frau zwischen Papierbahnen, die an Metallständern befestigt sind - dürftige Wände, die keinem Sturm standhalten werden. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Auch die Stola der Frau ist aus Papier. In dieser Umgebung sind Schutz und Geborgenheit ganz sicher Fremdworte.

Und dann beginnt Rosana Cleve zu sprechen. Und wir hören ihr zu. Und hängen an ihren Lippen. Denn Cleve zeigt ihre Figur unglaublich authentisch. Es ist nicht nur das breite Emotionsspektrum, das sie zu vermitteln in der Lage ist. Vor allem können wir nachvollziehen, dass sich ihr Tun entwickelt aus ganz viel Angst, Ungläubigkeit ob ihrer Schwangerschaft. Dann ist in ihr der anerzogene Respekt vor der Familie und der Autorität des Vaters. Doch sie weiß, dass sie unschuldig ist. Dieser Gedanke gewinnt in ihr Oberhand, bricht Bahn und bestimmt ihr Handeln. Das alles vermittelt Rosana Cleve uns hautnah. Das geht alles so wunderbar leise ab mit ganz viel Zwischentönen und bedarf keiner großen, eruptiven Gefühlsausbrüche.
Dafür beginnt sie, die Papierwände einzureißen - eine nach der anderen. Sie zieht eine Sprühdose hervor und verunziert die nutzlosen Begrenzungen, weitet ihren Blick und sieht ihre Ziele vor sich.
Mit Rosana Cleve hat Tanja Weidner eine kongeniale Verbündete gefunden. Die beiden zeigen uns die Marquise von O. als ganz moderne Frau, die ihre Selbstzweifel lernt beiseite zu schieben und autonom für sich zu handeln.
Mit ihrem Fokus auf die Titelfigur schafft Tanja Weidner in ihrer Fassung eine konzentrierte Sicht auf die Erzählung und das bei unter Beweis gestelltem Respekt vor und sehr sensiblem Umgang mit dem Text - ein wirkliches Kleist-Kleinod ist da am Hafen in Münster entstanden. Glückwunsch!
Theater Pur, 27.1.19

„Das ist meine Geschichte!“ ruft die Marquise von O. (Rosana Cleve) wütend. Sie will das, was ihr laut Heinrich von Kleinst (1777-1811) Übles widerfahren ist, endlich selbst erzählen. Wenigstens das! Regisseurin Tanja Weidner hat also dem Schriftsteller kurzerhand die Erzählung aus der Hand genommen und der Protagonistin selbst in den Mund gelegt. Schluss mit dem Schweigen der Frauen. So mutiert „Die Marquise von O.“ von einer 200 Jahre alten Novelle zum Ein-Personen-Theaterstück im münsterschen Wolfgang Borchert-Theater. (...) In 70 Minuten erzählt die Marquise rückblickend das Erlebte. Als „Ich“-Erzählerin hat sie erst Probleme und rutscht immer wieder in die Worte Heinrich von Kleists ab – wohl ein Hinweis der Regisseurin darauf, wie viele Frauen um ihr Selbstbewusstsein zu kämpfen hatten. Dann aber gelingt ihr die „Übernahme“ ihrer Geschichte und sie spricht auch kurze Dialoge wie die zwischen sich und ihrem Vater, der sie des Hauses verweist, oder auch der Mutter. So wird der One-Woman-Show, die Schauspielerin Rosana Cleve gut meistert, nicht zuletzt auch die Gefahr der Monotonie entzogen. (...) Das Umfeld der Marquise – viele haben ihr das Leben schwer gemacht, weil sie ihr die Unwissenheit in Bezug auf ihre Schwangerschaft nicht glaubten – bekommt auf der Bühne des Theaters mit Hilfe von Stühlen aus Holz eine Existenz. Die tratschende Gesellschaft wispert über die Theater-Lautsprecher. Der innere Widerstand der Marquise gegen die gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit, dem sie auch Taten folgen lässt, ist als Ein-Personen-Stück unterhaltsam wiedergegeben.
Die Glocke, 26.1.19

Überraschung beim Blick ins Programmheft: Regisseurin Tanja Weidner hat Heinrich von Kleists DIE MARQUISE VON O. als Ein-Frau-Schauspiel inszeniert, obwohl die Novelle mindestens ein 5-Personen-Stück, wenn nicht gar eine volle Bühne mit zahlreichen Statisten ermöglicht hätte. Und damit dann aber auch die zentrale Botschaft dieser Inszenierung verdeckt hätte: Es ist ihre Geschichte, die Geschichte der Marquise, und indem Tanja Weidner dem Erzähler Kleist gewissermaßen den Text entzieht und die Marquise erzählen lässt, bekommt sie, die Opfer einer perfiden Vergewaltigung wurde, die Möglichkeit, im Sprechen Souveränität und Würde zurückzuerlangen.
Rosana Cleve als Marquise bietet in einer atemberaubenden schauspielerischen Leistung alle Register der Kommunikation auf, sie schreit, wütet, himmelt an, weint, ist ratlos, und doch handlungsaktiv, sie ist nicht nur emotional, sondern angesichts ihrer Situation eindrucksvoll rational, sie will sich einfach nicht abfinden damit, dass jemand sie missbraucht und damit auch ihren Ruf in den Schmutz gezogen hat. (...) Tanja Weidners Inszenierung geht der Frage nach, wie die Marquise nach der Vergewaltigung wieder zum souverän handelnden Menschen werden kann. In Zeiten von #MeToo ist dies neben der klaren Benennung sexueller Übergriffe die wichtigste Frage. Und ein Anfang, denn wenn die Marquise nicht nur Opfer bleiben soll, dann benötigt sie eine eigene Stimme, eine eigene Geschichte, die Beachtung findet und nicht mehr ignoriert werden kann.
Ultimo, Februar 19

Tanja Weidner
hat Heinrich von Kleists Novelle „Die Marquise von O…“ für die Bühne eingerichtet und konzentriert sich dabei auf die Gefühls- und Erlebniswelt der Titelfigur. Das Kriegsgeschehen, die Vergewaltigung, vom der sie nichts mitbekommen hat, weil sie ohnmächtig war, das Zeitungsinserat, mit dem sie nach dem Mann sucht, der sie geschwängert hat. All das wird von Rosana Cleve in einem 70-minütigen Solo förmlich nacherlebt. Dabei entwickelt die Schauspielerin in ein feines Gespür für Zwischentöne. Der Zuschauer erlebt eine Frau, die gegen ihre Opferrolle aufbegehrt, indem sie ihre Demütigung öffentlich macht. Gleichzeitig erfährt er auch die Verwirrung und die seelischen Nöte, die der Übergriff in der Marquise auslöst. Was heute als #MeToo-Debatte die Gemüter erhitzt, steckt in dem 200 Jahre alten Text schon drin. Und genau wie heute bei #MeToo war das Publikum damals bei Erscheinen der Novelle alles andere als amüsiert. Inszenatorisch setzt Weidner auf einen symbolträchtigen Minimalismus. Es gibt eine Handvoll Stühle, die man wirkungsvoll umschmeißen, wieder aufstellen und je nach Handlungsverlauf neu anordnen kann. Breite Papierbahnen dienen als Projektionsfläche, auf denen der Vater oder Vergewaltiger als Schattenriss erscheinen und die von der Marquise in einer wütenden Geste heruntergerissen werden, so wie man bürgerliche Fassaden zum Einsturz bringt. Stimmen aus dem Off und klug eingesetzt Musik runden das Spiel sinnvoll ab.
Gig April 19