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Timur Vermes
17 | ER IST WIEDER DA
Satire. Fassung von Kathrin Sievers
Wiederaufnahme | Freitag, 19. Oktober 2018 | 20 Uhr
Vorstellungsdauer | 2 1/4 Stunden | Eine Pause

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Fotos: © Tanja Weidner


Berlin, 21. Jahrhundert. Ein Mann mit einem unverkennbaren Oberlippenbart. Adolf Hitler erwacht auf einem leeren Grundstück. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva. Im tiefsten Frieden, unter Tausenden von Ausländern und Angela Merkel. 66 Jahre nach seinem vermeintlichen Ende strandet der GröFaZ* in der Gegenwart. Junge Leute erkennen ihn nicht, er ist stark irritiert. Als er sich nach dem Weg zur Reichskanzlei erkundigt, wird er lachend gefragt, ob er von Stefan Raab oder von Hape Kerkeling kommt. Er stiftet größte Verwirrung und versteht selbst nicht, warum. Blitzschnell analysiert er den Zustand der maroden Gesellschaft und erkennt, was zu tun ist. Er startet eine neue Karriere – im Fernsehen. Denn mit Propaganda kennt er sich aus . . .

Eine gallige Satire über Medien und ein Land, das trotz jahrzehntelanger Demokratie auf der Suche nach Quoten, Klicks und "Gefällt mir"-Buttons einem Demagogen gegenüber völlig chancenlos ist.

Das Romandebüt des 1967 in Nürnberg geborenen Timur Vermes wurde bisher über 2 Mio. Mal verkauft. Im Oktober 2015 kam die Verfilmung in die Kinos. Fürs WBT hat Regisseurin Kathrin Sievers den Roman dramatisiert.

Mit den Satiren von Mel Brooks (Frühling für Hitler), George Tabori (Mein Kampf) und Helmut Dietl (Schtonk) wurde auch in Deutschland ab den 1970er Jahren eine Genre-Tradition des Lachens über Hitler begründet. Bei Vermes ist es anders, weil sich der Leser zunehmend ertappt, wie er nicht mehr über Hitler lacht, sondern mit ihm. Geht das? Darf man das überhaupt?


*Achtung Satire! "GröFaZ" ist ein als Spottname gebrauchtes Akronym für "Größter Feldherr aller Zeiten" und bezeichnet Adolf Hitler.


Inszenierung | Kathrin Sievers

Ausstattung | Annette Wolf

Mitwirkende | Florian Bender
[Sawatzki u.a.] | Thomas Karl Hagen [Hitler] | Johannes Langer [Sensenbrink u.a.] | Monika Hess-Zanger [Renate Künast u.a.] | Jürgen Lorenzen [Kioskbesitzer u.a.] | Ivana Langmajer [Bellini u.a.] | Isabel Nagel [Gönül Özlem] | Rosana Cleve [Vera Krömeyer u.a.]


PRESSESTIMMEN

"Am Wolfgang Borchert Theater in Münster versucht Thomas Karl Hagen nicht Hitler darzustellen, sondern gibt einen Hitlerdarsteller, der weiß, dass er nur als Parodie ernst genommen wird. [...] Geradezu lehrstückhaft zeigt Regisseurin Kathrin Sievers mit einer politisch aktualisierten Spielfassung, wie sich solche Typen mit rhetorischem Geschick, Rücksichtslosigkeit und Showtalent immer wieder in Machtzentralen manövrieren und willkommen geheißen werden. [...] Die Aufführung ist ein erschreckender Spaß. Je länger er dauert, desto weniger wird über diese kuriose Hitler-Figur, desto mehr mit ihr über die Profiteure der Hitler-Hetze sowie die gläubigen und amüsierten Konsumenten gelacht – der Zuschauer also zum Kollaborateur. Was das Lachen vorschriftsmäßig im Halse stecken bleiben lässt."
Die Deutsche Bühne, März 16

„Wie er auf die Frage nach dem Namen entnervt aufstöhnt: „Hitler, Adolf Hitler.“ Das glaubt man ihm sofort. Dieser Mann ist mit sich im Reinen. Er ist der Führer, im Berlin des Jahres 2015. [...]

Das der Abend so unterhält, liegt vor allem an Hauptdarsteller Thomas Karl Hagen. Die schnarrende Stimme Hitlers gehört zu den meistparodierten überhaupt. Aber der Schauspieler lässt seinen eben nicht nur große, atemlose Propagandareden brüllen, sondern schafft es auch, den Tonfall beizubehalten, wenn er sich um die junge Frau Krömeyer (Alice Zikeli) bemüht. Da klingt Hitler plötzlich menschlich, schwingen Gefühle mit. [...] So sehr das auch schmerzt: Man entwickelt Sympathien für diesen einzig authentischen Charakter in einer Gesellschaft verlogener Politiker und Medienfuzzis. Und man nimmt ihm sogar ab, wenn ausgerechnet er die Reporterin der Bild-Zeitung ermahnt, mit Juden treibe man keine Scherze.

Sievers‘ Inszenierung treibt die äußere Handlung zügig voran. Das ist geradlinig erzählt, mit auf die Bühnenrückwand projizierten Bühnenbildern und Einspielvideos. Die Regie reiht Momentaufnahmen vom Kiosk, aus dem Büro der TV-Produktionsfirma, TV-Auftritte aneinander. Selbst die Hierarchie der “My-TV“-Leute ist mit kleinen Blicken, mit Nicken herausgearbeitet. Manche Gags sind beiläufig untergebracht, so wie die „Bild“-Ausgabe mit der Schlagzeile, dass der Führer nur einen Hoden hatte, eher unauffällig über die Bühne getragen. Und köstlich ist die Aktualisierung, dass Hitler nicht die NPD aufmischt, sondern den Thüringer AfD-Politiker Björn Höcke (Sven Heiß) als „Weichei“ runterputzt.

So seltsam es sich anfühlt, wenn mit einer der letzten Tabufiguren Scherz getrieben wird: Der Abend ist sehr lustig. Und weil es mehr um heute geht als um das zwölfjährige Reich, ist er reflektierter, als man zuerst denkt.“
Westfälischer Anzeiger, 8.1.16

„Im Bühnenhintergrund wird auf einer großen Leinwand Berlin gezeigt, Alexanderplatz. Im Hellen, im Dunkeln, beleuchtet. Adolf Hitler, großartig gespielt von Thomas Karl Hagen, wacht im Berlin des 21. Jahrhunderts auf [...]. Hitler ruft zunächst irritiert nach Reichsminister Martin Bormann, doch niemand antwortet. Wie Hitler dahin kommt, mitten in Berlin? Die Frage wird nicht gestellt, aber darum geht es auch nicht.

Völkische, rassistische, antisemitische Tiraden – und alle finden das witzig. Selbst das Publikum im Theater muss immer wieder lachen, weil [...] eine gewisse Komik ist nicht zu leugnen. [...] Doch dann hält das Auditorium plötzlich inne. Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge, das Lachen bleibt einem im Hals stecken.

Überzeugend waren alle Schauspieler, ein Extralob hat sich Monika Hess-Zanger in der Rolle der Renate Künast verdient. Sie trug – natürlich ein grünes Jackett, wirkte aber ansonsten ebenso farblos wie die echte Renate Künast. Insgesamt sicher eine mutige und textnahe Inszenierung. [...] Kein Wunder, dass bis zum 6.2.16 alle Vorstellungen ausverkauft sind.“
Alles Münster, 8.1.16

„[...] Regisseurin Kathrin Sievers, die diese Inszenierung verantwortet, geht über die Text-Vorlage hinaus, indem sie die Handlung ins Jahr 2015 versetzt. Der Diktator erwacht im heutigen Berlin: Hitler (Thomas Karl Hagen) erscheint in brauner Uniform und wirkt durch Aussehen, Gestus wieso Inhalt und Tonfall seiner Rhetorik unverkennbar. [...] Hitler lernt schnell, sich in unserer aktuellen, auf Erfolg und Quoten fixierten Mediengesellschaft mitsamt ihren Spielregeln zurechtzufinden [...]

Einhalt wird dem absurden Treiben erst geboten, als ausgerechnet rechtsextreme Schläger ihn krankenhausreif prügeln. Doch mittels der dramaturgischen Ironie scheint Hitlers kühl kalkulierte Strategie vollends aufzugehen: Er kann sich in seiner neuen Opfer-Rolle vor Anrufen und Solidaritätsbekundungen der Vertreter der etablierten Parteien kaum retten. [...] Während der mehr als zwei Stunden langen Premiere treibt Regisseurin Kathrin Sievers ihren Hauptdarsteller Thomas Karl Hagen, der seine Hitler-Figur bravurös verkörpert, und die anderen Ensemble-Mitglieder, die jeweils in mehreren Rollen auftreten, durch eine dichte Folge flink gespielter Szenen. Deren Hintergrund wird häufig von Video-Projektionen sinngebend und reizvoll ergänzt (Bühne, Videos und Kostüme: Annette Sievers). So wird in einem multimedialen Ambiente eine detailreiche, stichhaltige und scharfsinnige Satire über die Mediengesellschaft und die Taktiken im politischen Geschäft geschaffen.
Die Glocke, 9.1.16

„[...] Kathrin Sievers hat den Roman „Er ist wieder da“ für die Bühne des Wolfgang Borchert Theaters adaptiert. Sie legt den Fokus auf Medienkritik, führt gekonnt vor, dass ein Quotengeiler, von Aktionären abhängiger Privatsender alles tut, um erfolgreich zu sein. Und diese Bemühungen kommen umso komischer daher, wenn den eiskalten Medienmenschen mit Thomas Karl Hagen ein ebenso entschlossener nicht brüllender, sondern gefährlich leiser Hitler gegenübersteht. [...]
Annette Wolf projiziert die Handlungsorte (eine heruntergekommene Plattenbausiedlung, das noble Hotel Adlon und ein hippes, loftiges Großraumbüro) auf eine Leinwand – kommt deshalb auch mit wenig Requisite aus.

Das gibt Raum für die Akteure. Den nutzt nicht nur der exakt und präzise agierende Thomas Karl Hagen. Auch das gesamte Ensemble des Borchert Theaters stützt sich mit Feuereifer in die Vielzahl der zu verkörpernden Rollen. Und sie machen jeden Rollenwechsel absolut glaubwürdig.

Jürgen Lorenzen als Kioskbesitzer, der sich zum Talentscout berufen fühlt, Hannah Sieh als eiskalte Medienmanagerin Bellini, Florian Bender als Sawatzki füllen die Rollentypen toll aus. Das tun auch Sven Heiß als armseliger Björn Höcke und Monika Hess Zanger als sprachlose (!) Renate Künast. Sabrina vor der Sielhorst verkörpert eine übertölpelte Bildreporterin ebenso überzeugend wie Alice Zikeli die Gothic-Hitlersekretärin.“
Theater pur, 8.1.16

Die Theaterfassung von Kathrin Sievers zeigt, wie Menschen im Medien-Hype zu Popstarts mutieren. Eine Glanzrolle für den Hauptdarsteller Thomas Karl Hagen, der mit Mimik und Gestik seiner Hitlerrolle soviel Authentizität verleiht, dass einem das Lachen zwischendurch im Halse stecken blieb. Berlin 2015. Hier erwacht ein Mann, der die Welt um sich herum nicht mehr kennt: Adolf Hitler. Ist er es oder ist er es nicht? Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Wichtiger ist, welche Fragen in „Er ist wieder da“ aufgeworfen werden. In Zeiten von Pegida und AfD fragt sich der Zuschauer, ob Hitler jemals weg war. Das Bühnenstück macht deutlich, dass Menschen für populistische Äußerungen, die gekonnt in Szene gesetzt werden, empfänglich sind. Thomas Karl Hagen mimt den Hitler und brilliert in seiner Rolle, mit seinem kantigen Gang und der gestelzten Ausdrucksweise des Diktators. Es wirkt niemals überzogen, wenn es (sic) mit erhobenem Haupt sein „Programm“ in die Kamera zitiert. Denn die Medien haben ihn für sich entdeckt. [...]

Es ist Satire, keine Frage. Doch ist Satire in jedem Fall lustig? Wenn Thomas Karl Hagen in seiner Rolle von der Regisseurin die Anweisung bekommt, keine Judenwitze in sein Programm einzubauen, und er ernsthaft antwortet: „Natürlich nicht, die Judenfrage ist nicht witzig“, kann das Lachen durchaus im Hals stecken bleiben. Doch gerade die Satire eignet sich als probates Mittel, um die Ideen eines Diktators bloßzustellen. „Er ist wieder da“ macht hier nicht den Anfang. Bereits seit Charlie Chaplins „Der große Diktator“ hat es immer wieder ernst und nicht so ernst gemeinte Hitlerdarstellungen gegeben. Mit „Er ist wieder da“ ist eine gekonnte Gratwanderung zwischen Witz und Realität gelungen. Es darf gelacht werden, es soll gelacht werden, aber darüber nachdenken sollte man bitte auch.
Schwäbische Zeitung, 7.12.17

"Er ist wieder da." Nicht nur im Roman von Timur Vermes oder im Film. Auch im Münsteraner Wolfgang-Borchert-Theater – und sogar auf der Bühne des Bahnhofs Fischbach. Lustig oder erschreckend? Gar keine so leichte Frage. Aber dummerweise ertappt man sich als Beobachter des von Kathrin Sievers in Szene gesetzten Stückes zunächst einmal dabei, Mitleid oder – was noch schlimmer ist – sogar eine gewisse Sympathie für den armen Kerl zu haben, der im 21. Jahrhundert einfach ins kalte Wasser, genauer gesagt auf ein leeres Grundstück der ehemaligen Reichshauptstadt geworfen wird. Dass das Lächeln im Laufe der nächsten zwei Stunden immer bitterer wird, das steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt. Aber mal ehrlich: Comedian hin oder her – der Kerl hat's doch einfach drauf. Raucht Stefan Raab, Ingo Appelt und Konsorten in der Pfeife. So einer braucht keine Karte, keine E-Mail-Adresse, um die digitale Welt zu entlarven und sie sich zunutze zu machen. "Die Meinung eines Kritikers? Die hat schon in den 1930ern nichts gezählt und zählt auch heute nichts", sagt er. Wenn da nichts Wahres dran ist.

Die Bühne wird zur türkischen Blitzreinigung, zur Straße, zum Hotelzimmer, zum Konferenzraum oder Fernsehstudio. Und er hat sie alle im Sack. Einen, der von Altnazis zusammengeschlagen wird, den kann man gut gebrauchen – bei den Grünen wie die SPD und anderen etablierten Parteien. Die Bildzeitung ist für ihn kein wirklicher Gegner und die Rechten aller Schattierungen sind sowieso nur "ein Haufen Rohrkrepierer oder Waschlappen". Und Bormann bleibt nach wie vor verschwunden. Na und? Wer braucht da noch Bormann oder womöglich einen Propagandaminister.

Thomas Karl Hagen gibt einen Protagonisten, wie er im sprichwörtlichen Buche steht. Lebt seine Rolle in einer Weise, die das Blut in den Adern gefrieren lässt. Einleuchtend auch die Idee, nahezu alle anderen Schauspieler in Mehrfachrollen zu präsentieren. Sie sind dem Demagogen hoffnungslos ausgeliefert, sind dadurch quasi austauschbar und können der brillanten Theateradaption doch ihren Stempel aufdrücken, wie etwa Jannike Schubert, die als Carmen Bellini der guten Leni Riefenstahl nicht unähnlich ist und genau weiß, wer beim Tänzchen im Walzerschritt die Führerrolle zu übernehmen hat.

"Es war nicht alles schlecht." Sagen die einen. "Damit kann man arbeiten." Grinst der andere. Gratulation und großer Beifall für ein Stück, das lustig und erschreckend und vor allem erschreckend lustig war.
Südkurier, 8.12.17