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Kartentelefon
Yasmina Reza
17 | "KUNST"
Farce.
Wiederaufnahme | Sonntag, 19. Oktober 2014 | 18 Uhr
Vorstellungsdauer | 1 1/2 Stunden | Keine Pause

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Ein modernes Kunstwerk, drei Männer, drei Meinungen. Serge ist Dermatologe und hat sich "verliebt". Nach Monaten der Liebäugelei kauft er sich den Gegenstand seines Begehrens: ein weißes Bild, mit weißen Streifen. Für 200.000 Euro. So ein Original-Antrios hat schließlich seinen Preis. Sein langjähriger Freund Marc, Ingenieur in der Aeronautik, kann es nicht fassen und hat wenig Verständnis für die Leidenschaft seines Kumpels. Er versucht den gemeinsamen Freund Yvan auf seine Seite zu ziehen, um Serge von diesem Fehlkauf, der "weißen Scheiße" wie er sie nennt, zu überzeugen. Yvan gerät unfreiwillig zwischen die Fronten. Dabei hat er selbst eigene Sorgen: Er wird heiraten. Während eines gemeinsamen Treffens bei Serge zeigt sich schnell, daß jeder der Freunde mit ganz eigenen Problemen kämpft und das Bild selbst beinahe zur Nebensache wird. Vielmehr sind es die zerstörten Selbstbilder und Erwartungen die jeder der drei gezeichnet hat. Aus verletztem Stolz, Eifersucht und Eitelkeiten werden verbale Verletzungen und schließlich körperliche Übergriffe. Fast beiläufig führt die Autorin dabei das gutbürgerliche Leben der Protagonisten vor, entblößt Selbsttäuschung, Egozentrik und die Brüchigkeit scheinbar so sichererer Lebensläufe . . .

Eine intelligente Farce für Kunstliebhaber, Freunde und Feinde des modernen Kunstgeschmacks mit allem, was Sie schon immer über Männerfreundschaften wissen wollten.

Yasmina Reza ist – neben Éric-Emmanuel Schmitt – die wohl am meisten gespielte zeitgenössische Theaterautorin. Rezas drittes Theaterstück "KUNST" wurde in über 40 Sprachen übersetzt und avancierte zum absoluten Welterfolg. Neben DER GOTT DES GEMETZELS [seit 2008 am WBT] steht mit der kulturkritischen Farce "KUNST" ein weiteres Stück der französischen Erfolgsautorin auf dem Spielplan. Bereits in der Spielzeit 1996/97 wurde Rezas Werk in den Räumen des Hauptbahnhofs, der ehemaligen Spielstätte des Wolfgang Borchert Theaters, aufgeführt. Nun ist es erstmalig auf der Bühne am Hafen zu sehen.

Inszenierung | Tanja Weidner
Ausstattung | Stefan Bleidorn

Mitwirkende | Heiko Grosche [Yvan] | Bernd Reheuser [Marc] | Meinhard Zanger [Serge]

Fotos © duema-media / Ingo Kannenbäumer


PRESSESTIMMEN

Auch am Zimmertheater, wie das Wolfgang-Borchert-Theater früher mal hieß, als es noch Mieter im Gebäude des Hauptbahnhofs war, ist "Kunst" 1996 schon einmal gespielt worden. Jetzt steht das Stück in einer Neu-inszenierung von Tanja Weidner erneut auf dem Spielplan der Hafenbühne. [...] Schön zu beobachten, wie Serge einerseits seine kostspielige Geldanlage hätschelt, andererseits nonchalanteine (abwaschbare) Filzstiftattacke Marcs auf die "weiße Scheiße" einnimmt. Köstlich, wie der genervte Hypochonder Marc je nach Gemütslage die Pillendöschen wechselt. Yvan hat zwar die undankbare Rolle des Schiedsrichters in diesem tragikomischen Dreiergespann, aber den wohl hinreißendsten Auftritt des Abends als frustrierter Bräutigam und zukünftiger Schwiegersohn. Was können Theaterbesucher mehr erwarten als drei gestandene Komödianten, die in einer intelligenten Theaterfarce ihre ganze Klasse ausspielen können? Bei der Borchert-Inszenierung stimmt alles, auch das auf die wichtigsten Koordinaten reduzierte Bühnenbild von Stefan Bleidorn. Hier entfalten die glänzenden Dialoge aus Yasmina Rezas frühem Stück erst so richtig ihre Wirkung.
Ultimo, 19.3.–1.4.12

Borchert-Intendant Meinhard Zanger spielt den Marc, und sein Weggefährte Bernd Reheuser, der etwa als „Freigeist" in Münster brillierte, ist Serge. Wenn Zanger zu Beginn vor den Zuschauern steht, unrasiert und in brauner Lederjacke, und mit markanter Kunstpause die Bemerkung „Ein weißes Bild?.?.?. mit weißen Streifen!" knarzt, dann ist die Figur schon prägnant gezeichnet. Und wenn Reheuser im Anzug über die weiße Fläche tänzelt, sich die weißen Handschuhe überstreift und aus dem Bühnenboden das Bild heraushebt, müsste er fast nichts mehr sagen, um den Kontrast zu erklären. Geht natürlich nicht. Denn Rezas Stück, [...] zeigt vor allem, wie Beziehungsstrukturen auf die Probe gestellt werden. [...]

Das ist sprachlich ebenso brillant wie dramaturgisch geschickt, weil eben die Nummer Drei im Freundeskreis, der vermittelnde Yvan, immer wieder als armes Würstchen dasteht, auf dessen Kosten sich die eigentlichen Streithähne verbünden. Wenn Yvan schließlich von seinen Hochzeitsplänen und den aufreibenden Konflikten zwischen Müttern und Stiefmüttern erzählt, lässt Darsteller Henning Kober bei seiner Borchert-Premiere für einen Moment lang Zanger und Reheuser verblassen: Szenenapplaus. Man könnte vermuten, dass Regisseurin Tanja Weidner gar nicht viel tun musste, um ihre drei auf Hochtouren laufenden Schauspiel-Lokomotiven anzufeuern. Wenn man aber sieht, wie sie das Trio behutsam bremst und sprechende Figuren-Konstellationen auf die offene Bühne von Stefan Bleidorn zeichnen lässt, erkennt man, dass der Witz und die Rührung, die dieser Abend auch vermittelt, zu einem guten Teil auf ihr Konto gehen. Wer den „Gott des Gemetzels", den das Borchert-Theater ebenfalls spielt, im Kino gesehen hat und mehr von der gleichen Art möchte, der sollte diese bejubelte „Kunst" auf keinen Fall verpassen.
Westfälische Nachrichten, 26.2.12

An der Kunst scheiden sich bekanntlich die Geister. Und wenn es im eigenen Leben und in der Beziehung zu den Kumpels sowieso gerade kriselt, kann die Diskussion über ein weißes Bild mit weißen Streifen schon mal zu einem exorbitanten Schaukampf ausarten. Herrlich zu verfolgen in dem Stück „Kunst" am Wolfgang-Borchert-Theater [...]. Irritiert beugt sich Marc (Meinhard Zanger) über die Leinwand. Für das Bild, ganz in Weiß gehalten, hat sein Freund Serge (Bernd Reheuser) schlappe 200 000 Euro hingelegt. Ein Original-Antrios eben. Allein der Blick von Schauspieler und Borchert-Intendant Zanger in diesem Moment ist es wert, sich die Komödie aus der Feder von Yasmina Reza anzusehen. Die Farce, 1994 in Paris uraufgeführt und in Münster von Tanja Weidner inszeniert, ist längst preisgekrönt. [...]

Die Szenerie (Stefan Bleidorn) ist in Schwarz getaucht, gespielt wird auf einer weißen Bühne. Marc in legerer Lederjacke und Serge im saloppen Anzug schenken sich während ihrer Hahnenkämpfe gar nichts. Ihr intellektueller Schlagabtausch bereitet höchstes Vergnügen. Schauspielerisch perfekt, ziehen sie alle Register: sind sie bissig, süffisant, beleidigend, arrogant, aggressiv – und verletzt. Als „Schiedsrichter" bestens besetzt ist der Dritte im Bunde, Yvan (Henning Kober). Für die minutenlange, urkomische Schilderung seiner Hochzeitsvorbereitungen, erhält er sogar Szenenapplaus. Er, der erkennt, dass das übel, das die Drei befallen hat, tiefere Ursachen hat, wird erst einmal versehentlich k. o. geschlagen. Lachen als die beste Medizin – das soll den Freunden erst am Ende wieder gelingen. Die Zuschauer aber sind schon von der ersten Minute an mit dabei. Der Wiedererkennungseffekt dürfte groß sein: Wer hat nicht schon mal Kunst als Mittel zum Zweck verwendet und einen Streit vom Zaun gebrochen?
Die Glocke, 25.2.12

Regisseurin Tanja Weidner hat Yasmina Rezas „Kunst" in einer ziemlich perfekten Inszenierung auf die Bühne des Borchert-Theaters in Münster gebracht. Zusammen mit einem souverän agierenden Ensemble seziert sie die Beziehung zwischen dem kunstliebenden Arzt Serge und seinem Freund, dem eher nüchternen Ingenieur Marc. Für Intendant Meinhard Zanger ist Marc eine Paraderolle. In schwarzen Jeans und Leder-jacke zelebriert er gesunden Menschenverstand und überschreitet dabei mit zunehmendem Genuss die Grenze zum Sarkasmus.

Bernd Reheuser als Serge gibt sich zunächst überlegen. Was können ihm, dem abgeklärten Kunstkenner, Marcs kleingeistige Attacken schon anhaben? Aber wenn man genau hinschaut, merkt man, wie es in ihm brodelt. In seiner Eitelkeit verletzt, wird er schließlich grundsätzlich und stellt nicht nur Marcs Kunstverständnis, sondern auch dessen freundschaftlichen Gefühle in Frage. Dritter im Bund ist Yvan. Anders als seine gut situierten Freunde ist er beruflich weit weniger erfolgreich. Außerdem hat er ein ausgeprägtes Harmoniebedürfnis, was dazu führt, dass er bei dem Streit um das Bild immer wieder zwischen die Fronten gerät und als Blitzableiter herhalten muss. Henning Kober spielt Yvan als großen Jungen, der seine Unsicherheit mit einem Dauerlächeln zu überspielen versucht und fast in Tränen ausbricht, als er erkennt, auf welch wackligen Beinen die Beziehung zwischen Marc und Serge steht.

Das Stück legt in pointierten Dialogen die Eitelkeiten und das Machtgefüge innerhalb einer Männerfreundschaft bloß und eröffnet aus der Distanz einer überlegenen Rationalität heraus tiefe emotionale Einblicke. Dieser Kunst der Autorin wird Weidner in ihrer sensiblen und zugleich enorm witzigen Inszenierung gerecht – nicht zuletzt dank hervorragender Darsteller.
Münstersche Zeitung, 24.2.12