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Gotthold Ephraim Lessing
21 | NATHAN DER WEISE
Ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen.
Wiederaufnahme | Mittwoch, 3. Dezember 2014 | 20 Uhr
Vorstellungsdauer | 2 1/2 Stunden | Eine Pause

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Die Geschichte ereignet sich in Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge. Juden, Christen und Muslime leben auf engstem Raum zusammen, verstrickt in Glaubens- und Machtkämpfe. Schwere Auseinandersetzungen erschüttern die Stadt. Der Jude Nathan kehrt nach Jahren von einer Geschäftsreise zurück und findet sein Haus in Asche vor. Seine Tochter Recha, die er als Waise bei sich aufgezogen hat, wäre um ein Haar in den Flammen umgekommen. Gerettet hat sie ein christlicher Tempelherr, der auch unmittelbar das Herz der jungen Frau erobert. Das Mädchen weiß nicht, daß Nathan nicht ihr leiblicher Vater ist.

Nur Daja, ihre Gesellschafterin, kennt das Geheimnis des eigentlichen Christenmädchens. Sultan Saladin hat Geldprobleme, bittet den für seine Weisheit und Gutmütigkeit bekannten Nathan um Rat und stellt ihn gleichzeitig auf die Probe. Mit seiner Ringparabel schildert Nathan die Gleichwertigkeit der großen Weltreligionen und entmachtet so die Vorurteile des Tempelherren und des mohammedanischen Sultans. Als der junge Tempelherr um Rechas Hand anhält und Nathan zögert, berichtet der aufgebrachte Christ dem Patriarchen von Nathans Geheimnis, der dem barmherzigen Mann sofort mit dem Scheiterhaufen droht . . .

Lessings Drama stellt auch nach über 230 Jahren die Frage nach der Realisierbarkeit von Humanität, Würde und Respekt als ferne Utopie oder mögliche Zukunftsvision.

Lessing schrieb das fünfaktige Ideendrama, anläßlich der bedeutendsten theologischen Auseinandersetzung des 18. Jahrhunderts: dem Fragmentenstreit mit Goeze. Bis heute gilt sein letztes Werk als das bekannteste aus der Epoche der Aufklärung, das seinem Verfasser zeitweise ein Teilpublikationsverbot einbrachte. Es wurde erst zwei Jahre nach Lessings Tod in Berlin zur Aufführung gebracht. Das Kernstück, die Ringparabel, geht auf Giovanni Boccaccios "Dekameron" aus dem 14. Jahrhundert zurück.

Wie alle Schriften Lessings, schrieb Heinrich Heine, hätten auch seine Dramen "eine soziale Bedeutung, und NATHAN DER WEISE ist im Grunde nicht bloß eine gute Komödie, sondern auch eine philosophischtheologische Abhandlung zugunsten des reinen Deismus. Die Kunst war für Lessing ebenfalls eine Tribüne, und wenn man ihn von der Kanzel oder vom Katheder herabstieße, dann sprang er aufs Theater, und sprach dort noch viel deutlicher, und gewann ein noch zahlreicheres Publikum."

Inszenierung | Meinhard Zanger
Ausstattung | Annette Wolf

Mitwirkende | Heiko Grosche [Sultan SALADIN] | Sabrina vor der Sielhorst [SITTAH, dessen Schwester] | Andreas Weißert [NATHAN, ein reicher Jude in Jerusalem] | Claudia Kainberger [RECHA, dessen angenommene Tochter] | Monika Hess-Zanger [DAJA, eine Christin, aber in dem Hause des Juden, als Gesellschafterin der Recha / Der PATRIARCH von Jerusalem] | Sven Heiß [ein junger TEMPELHERR] | Jens Ulrich Seffen [Ein KLOSTERBRUDER]

Fotos © Fotos © duema-media / Ingo Kannenbäumer


PRESSESTIMMEN

Von der vielgelobten Toleranz, dem friedlichen, vorurteilsfreien Miteinander ist nicht viel zu spüren. Juden, Christen und Muslime begegnen sich in Lessings „Nathan der Weise" anfangs mit Argwohn und Abscheu. Somit hat das Vorzeigedrama der Aufklärung auch heute nichts von seiner politischen Aktualität eingebüßt. Aber es ist auch eine verworrene und verwirrende Beziehungskomödie im Stil von Vorabendseifenopern wie „Verbotene Liebe". Auch das macht den „Nathan" moderner denn je.

Intendant Meinhard Zanger hat im Wolfgang Borchert Theater beide Aspekte kurzweilig in den Mittelpunkt gerückt. Humoristische Elemente werden verstärkt und mit viel Lust an der Komik vom glänzenden Ensemble umgesetzt. Die politische Dimension hat Ausstatterin Annette Wolf mit wenigen, aber gut platzierten Assoziationen unterstrichen. [...] Andreas Weißerts Nathan wirkt dabei in seinem hellen Anzug wie ein Mittelstandsunternehmer, der sich mal selbstbewusst, mal schüchtern gegen die auf ihn einschlagenden Mächte stellt.

Recha ist beim virtuos agierenden Ensemble-Neuling Saskia Boden ein verspieltes und patziges Kind. [...] Den Tempelherrn zeigt Sven Heiß als rauen Gesellen in stets die Brust freilegender Bikerjacke, während Saladin bei Heiko Grosche ein hinterlistiger Herrscher ist, der versucht, Nathan per Fernsehbildschirm in die Enge zu treiben. Unterstützt von seiner verführerischen Schwester Sittah (Sabrina vor der Sielhorst). Gemeinsam mit den spritzigen Auftritten von Monika Hess-Zanger als strenge, aber bestechliche Recha-Erzieherin Daja und auch als fieser Patriarch sowie Jens Ulrich Seffen als Klosterbruder ist Zanger trotz der extrem pädagogischen Art des Dramas eine mitreißende, stets humorvolle Version des Klassikers gelungen, bei der besonders die vielen kleinen Einfälle begeistern. Wenn beispielsweise die Schauspieler neben der Bühne auf ihre nächste Szene warten und Saskia Boden als Recha buchlesend einschläft. Herrlich!
Münstersche Zeitung, 26.9.2011

Der Schluss mit dem einsam dasitzenden Titelhelden lässt Lessings „Nathan der Weise" zumindest melancholisch enden. Zuvor hatte Meinhard Zanger in seiner Inszenierung des Wolfgang-Borchert-Theaters behutsam die komischen Seiten des humanistischen Klassikers herausgekitzelt. So gibt Heiko Grosche dem wissbegierigen Sultan Saladin eine ulkige Unbeholfenheit, während Sabrina vor der Sielhorst als Sittah die selbstbewusst-sympathische Drahtzieherin sein darf. Der Tempelherr von Sven Heiß ist so jugendlich-aufbrausend wie möglich, und Jens Ulrich Seffen als fein herumschleichender Klosterbruder hat den Schalk nicht nur im Nacken. All diese Charaktere sind auf gar nicht mal überraschende Weise zugespitzt, ohne in die bloße Karikatur abzugleiten. Das gilt selbst für Saskia Boden als Tochter Recha, die so staunend-naiv durch ihre runde Brille blickt: sehr putzig, aber passend.

Natürlich lässt Monika Hess-Zanger es sich nicht nehmen, die Gesellschafterin Daja deftig als intrigante Tante zu zeichnen, von der der bedrängte Tempelherr selbst dann nicht abrücken kann, wenn beide Schauspieler auf den seitlich platzierten Stühlen Platz nehmen, um auf ihre nächste Szene zu warten. [...] Andreas Weißert porträtiert den ebenso reichen wie weisen Mann [...] im besten Sinne traditionell: Er liebt die angenommene Tochter wie ein eigenes Kind und wirkt bei der Ring-Parabel, als müsse er um sein Leben erzählen. [...] Meinhard Zangers Zweieinhalb-Stunden-Version des „Nathan" ist keine, die den Klassiker umkrempelt, sondern eignet sich perfekt dazu, das Stück kennenzulernen oder neuerlich zu erleben. Und unterhaltsam ist sie auch.
Westfälische Nachrichten, 26.9.2011

Wenn sie nicht gerade ordentlich mitmischen, sitzen der Jude Nathan, der mohammedanische Sultan Saladin (Heiko Grosche), seine Schwester Sittah (Sabrina vor der Sielhorst) oder der Patriarch (Monika Hess-Zanger) wie in einem Wartesaal am Rande der Bühne und beobachten das Geschehen. Jeder darauf bedacht, dass er im Ringen um die besten Argumente ja seinen Einsatz nicht verpasst. So zumindest der Eindruck, den Meinhard Zanger in seiner Inszenierung von „Nathan der Weise" hinterlässt. [...]

Zügig und schnörkellos präsentiert Zanger die Geschichte, die im Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge spielt. Und das ohne die Komik, die sie in sich trägt, außer Acht zu lassen. Sie ist schön an der Figur der Daja (Monika Hess-Zanger) festzumachen. Die christliche Gesellschafterin im Hause Nathans wandelt zwischen den Welten. Das Haar streng zum Dutt zusammengesteckt und stets das Fernrohr zur Hand, schafft es Daja, den christlichen Tempelherrn Kurt mit der von ihm aus den Flammen geretteten Tochter Nathans, Recha (Saskia Boden), zu verkuppeln. Sven Heiß als erst Kraft strotzender Ritter, dann verliebt dreinblickender Mann überzeugt ebenso wie Saskia Boden, die, vom Theater Osnabrück kommend, ihr Debüt als neues Mitglied im Borchert-Ensemble gibt. Das Bühnenbild ist schlicht, das Stück kommt mit wenigen Anleihen an die Gegenwart aus. Der Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche klingt an, der Geldsegen, der sich über den bankrotten Sultan ergießt, wirkt wie ein Rettungsschirm heutiger Tage. Andreas Weißert als nachdenklicher, an seinem Versuch der Versöhnung fast zerbrechender Nathan, tritt glaubhaft auf. Über allem aber thront die Sprache Lessings. Vor allem sie verfehlt ihre Wirkung in dieser weisen Geschichte um die von Nathan erzählten Ringparabel, des Gleichnisses für Toleranz und Achtung, nicht.
Die Glocke, 26.9.2011