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Heinrich von Kleist
17 | DER ZERBROCHNE KRUG
Lustspiel.
Letzte Vorstellung! | Samstag, 22. Oktober 2016 | 20 Uhr
Vorstellungsdauer | 2 Std. 5 Min. | Keine Pause

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Fotos © Kyoung-Jae Cho

Es scheint nur eine Lappalie zu sein, doch die Welt liegt in Scherben. In Huisum herrscht Aufruhr: Bei nächtlichen Prügeleien im Hause Rull ging ein kostbarer Krug zu Bruch. Marthe Rull hält Ruprecht, der ein Verhältnis mit ihrer Tochter Eve hat, für den Täter. Gemeinsam ziehen sie vor Gericht, doch Dorfrichter Adam erscheint an diesem Morgen merkwürdig lädiert, den Kopf mit zwei Wunden bedeckt und ausgerechnet heute, wo der Gerichtsrat sich angemeldet hat, um die Bücher zu prüfen, ist seine Perücke nirgends zu finden. Der Verdacht nährt sich, dass ein ganz anderer als Ruprecht in der Nacht bei Eve in der Kammer war . . .

Unter viel Gelächter tun sich Abgründe auf. Ein Stück über Amtsmissbrauch, Manipulation und Willkür der Justiz. Aber auch über Adams ersten Sündenfall - die menschliche Tragödie als Lustspiel.

Heinrich von Kleist ließ sich 1806 von dem französischen Kupferstich La cruche cassée zu dem Stoff anregen und trat mit Dichterkollegen in einen Wettstreit um das beste Stück - und gewann. Als kein geringerer als der Weimarer Theaterdirektor Goethe 1808 die Uraufführung verantwortete, griff er so stark in die Struktur ein, dass das Stück beim Publikum durchfiel. Heute gehört es zum Kanon der deutschen Literatur und gilt als Musterbeispiel für ein analytisches Drama, ähnlich wie KÖNIG ÖDIPUS von Sophokles: Der Zuschauer weiß genauso viel wie die Figuren im Stück und kommt so der Wahrheit, wie in einem Krimi, langsam immer näher.

Inszenierung | Tanja Weidner
Bühne & Kostüme | Darko Petrovic

Mitwirkende | Meinhard Zanger
[Dorfrichter Adam] | Sven Heiß [Gerichtsrat Walter] | Jürgen Lorenzen [Schreiber Licht] | Monika Hess-Zanger [Marthe Rull] |  Alice Zikeli [Eve, ihre Tochter] | Heiko Grosche [Veit Tümpel] | Florian Bender [Ruprecht, sein Sohn] | Antje Mairich [Frau Brigitte] | Jens Ulrich Seffen [Bedienter/Büttel] | Hannah Sieh [Margarete, Magd] | Alexandra Schröter [Liese, Magd]


PRESSESTIMMEN

Schöner Traum, schnöde Wirklichkeit

Meinhard Zanger [...] nutzt die Bühne, die ihm Tanja Weidner bereitet hat, [...] voll aus. An diesem Abend ist er der Dorfrichter Adam, für den das Richterhandwerk nicht durch Suche nach Recht gekennzeichnet ist, sondern durch Willkür und Betrug. Zanger hat diesen gerissenen und fantasievollen Betrüger, dem es nur um seinen eigenen Vorteil geht, einfach verinnerlicht. Und er wächst förmlich über sich hinaus im Prozess um den Zerbrochnen Krug, der in Wahrheit auch ein Zweikampf ist mit Gerichtsrat Walter. Der ist nämlich um keinen Deut besser als Adam, denn für ihn sind die „Ehre des Gerichts", die Macht und die Autorität der Rechtspflege wesentlich wichtiger als Recht und Gerechtigkeit selber.

Darko Petrovic schafft für diesen Zweikampf eine einfache „Arena" – ein etwas in die Jahre gekommenes Halbrund, in dem Adam ganz klar Heimvorteil hat. Dessen Wände sind durchscheinend – ermöglichen den Blick auf eine Winterlandschaft und evozieren so einen Hauch von Magie. Das ist Teil von Tanja Weidners zentraler Idee: Sie gibt Zanger „Traummomente", in denen die Handlung stockt, alles im Zeitlupentempo langsam vorangeht und auf den Richter ein fast poetisches Licht geworfen wird. Hier werden andere Seiten seines Charakters deutlich – die Sehnsucht nach Liebe etwa, das Bedürfnis, aus seiner auf Betrug aufbauenden Welt auszubrechen. Der plump-schlaue Dorfrichter gewinnt so enorm an Facettenreichtum und Aura.

[...] Kontur gewinnen können [...] vor allem Monika Hess-Zanger als burschikose Marthe Rull, Alice Zikeli als sehr zarte Eve und der Walter Sven Heiß', dessen geschliffene Sprache sich als inhaltsleer und verlogen erweist.

Für das gesamte Ensemble gibt es viel Beifall – besonders gefeiert wird zu Recht Meinhard Zanger, dessen Dorfrichter mal so ganz anders daher kommt.
theaterpur.net, 29.3.2015


In fast kindlicher Unschuld steht das Mädchen da, während von hinten eine männliche Gestalt hereinschleicht. Wie ein Faun wirkt er, der sich einer Nymphe nähert, sie umtänzelt, ihr Haar berührt. Stumm legt der Kauz die Kleider ab, doch der Mädchentraum entschwindet, und mit einem satten Schnarchen unter der wärmenden Bettdecke kehrt er in die Realität zurück.

Der Träumer im Adamskostüm ist kein anderer als Dorfrichter Adam selbst, der komische Held in Heinrich von Kleists populärstem Stück „Der zerbrochne Krug". Regisseurin Tanja Weidner gönnt dem Hagestolz und seinem begehrten Evchen im Wolfgang-Borchert-Theater eine stumme Ouvertüre mit geheimnisvollem Licht und süßer Musik, ehe der Morgen anbricht. Dann aber darf der Richter poltern: Wenn die Mägde dem aufgebrachten Herrn, der sich auf den Kontrollbesuch von Gerichtsrat Walter vorbereiten muss, die Kleider anziehen, ist das purer Slapstick.

[...] Meinhard Zanger nimmt das Geschenk dieser prallen Rolle dankbar an. Als unfreiwilliger Ermittler in eigener Sache – hat er doch nächtens die Eve bedrängt und dabei den Krug von Mutter Marthe zerbrochen – raunzt er die Dorfbewohner an, säuselt und droht der jungen Zeugin und blickt so treudoof Richtung Gerichtsrat, dass es eine Lust ist zuzuschauen. Wie ein großer Geier rauscht er in seiner Robe durch den Saal, um gleich darauf unter den Augen des Vorgesetzten zum vermeintlichen Unschuldslamm zu schrumpfen.

Der Saal, den Darko Petrovic dafür geschaffen hat, ist eine wunderbar altertümelnde Spielfläche, eröffnet aber mit transparenten Wänden auch Ausblicke auf die winterliche Landschaft – und schafft mit den Lichtstimmungen jene Traum-Momente, die noch zweimal wiederkehren und den bauernschlauen Dorfrichter fast zur mythologischen Gestalt wachsen lassen. Passend für einen Dichter wie Kleist, dem es nicht nur auf den derben Schwank ankam.

Freunde dieses Genres werden aber ebenfalls bedient, allein schon von Monika Hess-Zangers deftiger Marthe und Jürgen Lorenzens durchtriebenem Schreiber-Karrieristen Licht. Das ganze Ensemble einschließlich Alice Zikeli als sanft aufmüpfiger Eve ist mit Lust bei der Sache. Ein gelungenes Beispiel dafür, wie man einem Klassiker einfallsreich zu Leibe rückt.
Westfälische Nachrichten, 28.3.2015


[...]
So leidenschaftlich, so lustvoll changierend zwischen zerstreutem Ermittler in eigener Sache und eitlem Dorf-Despoten hat man Meinhard Zanger lange nicht mehr auf der Bühne gesehen. Ein schauspielerischer Parforceritt, der noch flankiert wird durch eine tolle Leistung des kompletten WBT-Ensembles. Jemanden herauszuheben wäre töricht, doch Monika Hess-Zanger als aufgebrachte Wirtin vor der Anklagebank ihres Richters, [...] der an diesem Abend einen verliebten Dorfrichter in Erklärungsnöten gibt, unter der Regie der Alphatier-erprobten ("Kunst") Regisseurin Tanja Weidner, dieses Schauspiel ist jedes Geld für eine Eintrittskarte wert. Nicht verpassen!
mehrtexte.de, 29.3.3015


Schwank glänzt mit spielstarken Darstellern

Optisch erinnert die Szenerie ein bisschen an das "königlich-bayrische Amtsgericht". Als derber Schwank kommt "Der zerbrochne Krug" aber trotzdem nicht daher, sondern als fein choerografiertes Lustspiel mit tollem Hauptdarsteller: Intendant Meinhard Zanger glänzt als mit allen Wassern gewaschener Dorfrichter Adam, der am Ende mit Bravo-Rufen belohnt. [...]

Als derben, teils primitiven, dann wieder intelligenten und gewieften Taktierer spielt Meinhard Zanger den glatzköpfigen Juristen, der seinen eigenen Fall zu verhandeln hat. [...] Zanger bedient sich äußerst lustvoll der gesamten Palette seines mimischen Könnens: Mal blickt er herrlich gruselig wie der Teufel, mal spielt er die Unschuld vom Lande, mal ist er eitel wie ein Pfau, dann bricht es brutal aus ihm heraus. In der Rolle des Evchen überzeugt Borchert-Neuzugang Alice Zikeli. Sie spielt die Frau, um die sich im Prinzip alles dreht, als schüchternes Töchterchen, das sich im Laufe der Verhandlung zur einfühlsamen jungen Frau wandelt.

Witzig sind Alexandra Schröter und Sabrina vor der Sielhorst als kernige Mägde [...].

Mit leise rieselndem Schnee und Traumphasen, in denen der Dorfrichter zum Beispiel sein angebetetes Evchen zu Musik liebevoll umgarnt, führt das von Tanja Weidner inszenierte Stück weg vom Grobschlächtigen, hin in fast mystische Ruhe. Und wenn er am Ende todtraurig und gedankenverloren auf der Bühne übrigbleibt, möchte man den Derwisch trösten.
Die Glocke, 28.3.2015